sam in Hamburg

Einigermaßen ausgeschlafen bin ich wach geworden. Wirre Bilder meiner Träume. Alles was schief gehen konnte, davon erzählte der Traum.
Doch die Wirklichkeit war anders. Die Fahrt nach Hamburg verlief reibungslos. Am Vorabend war alles gepackt. Die Liste gewissenhaft abgehakt.
„Wir machen das wirklich, fahren nach Hamburg, stellen ein Pavillon auf“ geht mir durch den Kopf. Noch kommt es mir unwirklich vor.
Unsicherheit bei den Begrüßungen, klar, wie sehen uns zum Teil das erste mal.
Gabi schnattert während der Fahrt. Musik läuft. Alle haben genügend Platz. Drei Hunde und fünf Menschen. Auch unsere Unsicherheit darf hier Raum haben.
Am Rastplatz toben die Hunde und jetzt erlebe ich Gelassenheit. Alles locker, selbstverständlich.
Kurz vor Hamburg noch ne Pause, Handys werden benutzt. Hoffentlich kommt Laloba pünktlich, ich erreiche sie nicht. Meine Schwester ist vermutlich schon im Hotel. Jetzt spüre ich unsere Aufregung
Carina und Lotte sind ein gutes Team, zielsicher bringen sie uns zum Hotel.
Meine Schwester hat schon geschlafen und steht verschlafen wie ein Kind vor mir. Es tut mir gut sie zu spüren.
Noch mal Laloba anrufen, nix. Mache mir Sorgen.
Die Hunde müssen noch raus, mich zieht es zum Jacobikirchhof. Ich möchte den Platz leer sehen, mich vergewissern ob er auch wirklich da ist. Das Handy schellt, Laloba, ist noch in Köln, hat sich den Finger verletzt. Doch sie will unbedingt noch los. Fährt die ganze Nacht mit ihrer unbewussten Selbstverletzung.
Ja ich mache mir oft Sorgen um sie. An der Ampel wäre ich dann beinahe vor ein Auto gelaufen.
Im Hotelzimmer, meine Schwester und ich teilen uns eins, erklärt mir Carola, dass ich nicht verantwortlich dafür wäre, wie Laloba mit sich umgeht. Recht hat sie.
Licht aus schlafen. Todmüde, kann ich nicht schlafen. Carola und ich reden noch. Uns wird klar, was es uns bedeutet, das wir beide nun am Aktionstag teilnehmen. Morgen feiern wir unseren ganz persönlichen Sieg über unseren Vater. Egal wie das morgen läuft, wir haben schon gewonnen. Meine große Schwester, ich bin unendlich stolz auf sie und schlafe beruhigt ein.
Morgens auf dem Platz begrüßt mich Ingo so herzlich. „Der freut sich ja richtig“ denke ich und merke dass ich das meistens noch nicht richtig glauben kann, dass sich Menschen freuen mich zu sehn.
Wo werden wir das Zelt aufbauen. Hier? Nein dort! Doch hier? Cool bleiben. Für meine Verhältnisse schaffe ich das sogar. Doch ich merke, ich nerve Ingo und die anderen um mich herum. Die wissen ja auch nicht wie viel Zeug wir angeschleppt haben. Ok, hier also. „oh, so dicht an der Bühne“ denke ich und verabschiede mich von der Planung, von unserem Konzept. Also nix „Chillout“, kein Abstand mitten drin. Auch gut, denke ich, kriegen wir mehr vom Geschehen mit.
Beim Aufbau werde ich doch noch mal nervös. Es ist so viel Zeug und die Stangen vom Zelt mit ihren Nummern nerven mich. Gabi macht mich gereizt, noch steht das zelt nicht und sie möchte ausgerechnet jetzt die Rückreise planen. Nun sie ist die einzige von uns die mit dem Thema sogar nicht vertraut ist.
Kaya strahlt ungeheuere Ruhe und Gelassenheit aus. Das tut mir gut. Vivane und sie sind die Zeltmeister! Jetzt merke ich die Kraft meines Teams. Hand in Hand arbeiten wir so als würden wir so was jeden Tag machen.
Bine kommt mich begrüßen. Wenn ich sie sehe, wir uns umarmen, ist es als würde sich meine Kraft verdoppeln.
Ladyfan und Cara treffen ein. Cara sehn, ihre Augen, ihre Freude unsere Umarmung machen mich glücklich und augenblicklich entspannter. Ladyfan merke ich Unsicherheit an. Ein Blick: „ was kommt da auf mich zu heute?“ Nun Menschen in unserem Alter wissen mit Unsicherheiten umzugehen. Ihre Aufmerksamkeit gefällt mir. Fragen, was wohin soll beantworten, alles erst mal ins Zelt. „Ja, da steht es uns im Weg“ doch besser uns als den geduldigen bikern neben uns, die nun endlich auch aufbauen dürfen.
Merry und Tears begrüßen. An Kindern merke ich immer wie das Verhältnis der Erwachsenen zu mir ist. Als ich Sophie, ihre Tochter, begrüße, merke ich dass sie nicht weiß, ob sie mir zeigen darf, dass sie sich freut, mich wieder zu sehn. „Na geh ich mal rüber, Frieden schließen“ denk ich mir. Gut, Krieg war ja nun auch nicht, doch wir wollten ja nun ursprünglich mal gemeinsam auf dem Aktionstag vertreten sein.
Freundliche Umarmung, Tears glaube ich die auch. Bei faith meine ich so was wie Verwunderung über mich festzustellen.
Weiter machen , ja dumm, den Teppich sollten wir zuerst ausrollen. Danke, ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Mein Team ist phantastisch. Die durchgedrehte Laloba ist auch schon da. Wenn ich sie nicht sehe ärgere ich mich oft über sie. Mit ihren sprunghaften Ideen bringt sie mich zur Weißglut. Sehe ich sie vor mir , nehme ich sie in den Arm, ist alles wieder gut. Und sie bringt immer soviel Leben rein. Sie ist lauter als andere Menschen, ungestümer. Ach, sie ist herrlich erfrischend in ihrer unausgeschlafenen Überdrehtheit. Dann ist Sternchen da! Und ich bin überwältigt. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Ängstlicher, weniger so außergewöhnlich in ihrem Äußeren. Von ihr geht eine liebevolle Weisheit aus. Und diese Augen! Unglaublich, was mich da anschaut mit diesen dunklen Augen die schon soviel gesehen haben und dennoch den Glauben nie verloren haben.
Nun nimmt langsam alles Form an. Mir kommt es wie Zauberwerk vor. Wieder denke ich, dass ich ein Traumteam habe. Alle geben ihr bestes, selbstverständlich, jeder an seinem Platz. Ein wunderbares Gefühl. An Ladyfan bemerke ich eine , tja, regelrechte Verwandlung. Sie ist plötzlich gelöst und entspannt. Etwas kindliches lacht mich an. „Dann ist alles richtig, dann stimmt mein Konzept“ denke ich und wundere mich über den Gedanken. Ach die Sticker sind so schön geworden. Cara mein Fels in der Brandung, mein Leuchtturm hat allen den Spielraum-Sticker angeheftet. Das Wort „Familie“ geht mir durch den Kopf. Früher hat mich das Wort erschreckt, mir Angst gemacht. Grad in diesem Moment empfinde ich Wärme, wohliges Gefühl der Zugehörigkeit.
Lady nervt mich mit ihrem Gejaule, lege ihr ihre Decke hin gebe ihr Wasser. „jemand müsste nachher mal mit ihr ne runde gehen“ Später geht Vivane mit ihr. „brauche scheinbar nur zu denken was ich gerne möchte“, mein Team liest mir meine Wünsche von den Augen ab. Freue mich, dass Carola so nahtlos rein passt in unsere Gruppe. Ich weiß, es wird heute sehr anstrengend für sie. Sie schiebt noch viel weg. Will vieles einfach noch nicht wahr haben. Jetzt, so im Erzählen krieg ich die Reihenfolgen nicht mehr hin. Am Anfang hatte ich das Gefühl, alles passiere gleichzeitig. Dann Kommt Bine. Oder Sternchen und ich hatten die Leinwand schon gespannt? Bine fragt mich, ob ich, nur wenn ich wollte, als erster zum open-mic ginge. Ja gerne, denn ich habe ein Anliegen, will unbedingt was los werden. Möchte es allen verkünden. Doch eine junge Frau spricht vor mir ich bewundere ihren Mut. So jung, so entschlossen. Ein Politiker hatte gesprochen nach Bines Eröffnungsrede. „wo kommt der denn her“ denke ich. Hat der sich verlaufen? Oder sein Berater hat ihn nicht erreichen können? Ich kann mir nur mit Sarkasmus helfen. Ein einziger Politiker. Wirklich nicht zu fassen!!!! Wo ist die Presse? Wo das Fernsehen? Ok, vielleicht kommen die ja noch? Dann stehe ich auf der Bühne. Erinnere an alle die heute gerne dabei wären. An die, die noch gelähmt sind von ihrer Angst. Für die bin ich auch heute hier. Stellvertretend, ich habe keine Angst mehr. Und dann spreche ich davon, was es mir bedeutet, heute mit meiner Schwester Carola hier zu sein. Ein unglaubliches Gefühl des Triumphes. Wir haben unsere Vergangenheit besiegt.
Ich sehe sie da unten vor mir stehn. Sie weint. Ich will zu ihr . Nehme sie in den Arm. Meine große Schwester. Wir haben so viel gemeinsam durchlitten, so viel gemeinsam erstritten. Wir sind uns Zeugen, sind die Kronzeugen eines Verbrechens das totgeschwiegen werden sollte. Heute sind wir hier. Heute wird uns geglaubt von euch, von euch allen, die ihr heute hier seid. Das alles geht mir durch den Kopf , als ich sie im Arm habe, sie weinen höre. Ich bin so froh, dass ich sie habe, froh das wir uns haben, froh dass es euch gibt. Und wenn der ganze Aktionstag nur dafür heute da ist, damit meine Schwester sieht, dass sie hier sein darf, dass sie nicht alleine ist, dass wir alle sie stützen, ihr glauben, auch für sie kämpfen, dann hat sich alles gelohnt, dann war kein Aufwand zu viel. Das alles denke ich und ich bin so dankbar.
Dankbar das es den Aktionstag gibt. Dankbar dass es euch gibt, dass es Bine gibt das es Ingo gibt und alle die heute helfen das dieser Tag so möglich ist.


Als ich die Leinwand für das Gemeinschaftsbild mit Sternchen spanne, spüre ich sehr viel Verbundenheit mit Sternchen. Irgendwas ist so vertraut. Und ich bin froh diese Arbeit machen zu können. Nach meinem open-mic merke ich das ich jede Schutzhülle abgestreift habe.
Ganz anders als in Göttingen nehme ich den Aktionstag nicht wie ein Schwamm auf.
Ich lasse den Aktionstag sein, soll er doch machen! Unser Zelt erlebe ich wie ein zu Hause. Da ist meine Familie, mein Rudel. Und darf mich auch etwas verstecken vor den Reden auf der Bühne. Ich höre sie, höre aufmerksam zu, doch sobald mir was zuviel wird, habe ich ja auch noch anderes zu tun. Kann mich meinen Lieben widmen.
Kann es sein, dass ich mich grade in eine ganze Gruppe verliebe?
Renate trudelt ein. Ich erkenne sie erst gar nicht. Doch kaum spricht sie, ist mir klar, wen ich vor mir habe. Hach ist die aufgedreht. Ja Kräuterbutter haben wir schon. Darf heute aber gerne mal was mehr sein. Ach nee, doch nicht! Tasche war vom Rad gefallen, weil Renate etwas von der Rolle ist. Verständlich, liebenswert. Schade, Kräuterbutter mit Porzellanscherben besser direkt in den Müll. Doch Renates Idee mit den Gummibärchen gefällt mir sehr. Trostbärchen, Freudebärchen usw. toll klasse! Und ihre Silbenfrequenz ist auch beeindruckend. Unglaublich was ein Mensch so in einer Minute alles sagen kann. Mattias hat ein Heft gekauft. Doch nicht nur deshalb gefällt er mir. Gleiche Wellenlängen tanzen um unser freundschaftliches beäugen. Gabi nervt mich immer noch. Sie macht ihre Sache sehr gut doch so druckvoll, angestrengt. Das gleichen die anderen umso mehr aus. Carina geht es nicht gut erfahre ich von Viviane. Das tut mir sehr leid. Sie ist ins Hotel gegangen.
Ich vermisse sie augenblicklich. Sie ist mir eine so wichtige Beobachterin. Sie kann mit dem Herzen sehen und denken. Ich brauche ihre Feedbacks.
Das Gemeinschaftsbild wird bemalt, schön. Farbe gegen das, was ich von der Bühne höre. Ich weiß wie wichtig das ist, was da gesprochen wird. Doch ich brauche meine Kraft heute für die Heiterkeit, die wir heute hier als unsere besondere Gabe für den Aktionstag mitgebracht haben. Höre nur mit halben Ohr hin. Die Kinder nehmen unsere Angebote an. Mich beruhigt das sehr. Es ist zu schrecklich, was sie zum Teil mit anhören müssen. Meine Kunst habe ich immer als Gegenmaßnahme zum Übel der Welt verstanden. Ja, auch einwenig auch als Flucht. Kleine Fluchten. Inseln der Fantasie. Mit der ich Flügel verliehen bekomme habe, um mich über den Sumpf zu erheben. Kinder verstehen das. Kinder verstehen was vom Fliegen. Sie fühlen sich wohl bei uns. Lalaoba sorgt für Essen und sich etwas zu sehr, dass sie auf zu viel davon sitzen bleibt. Ladyfan ist die gute Seele, wachsam sieht sie was zu tun ist. Spendendosen sind entstanden die zu uns passen.
Infernosounds spielen. Auf die habe ich mich am meisten gefreut. Ihre Spielfreude, ihr, „einfach auch Musik machen wollen“ verstärkt ihre Texte. Ihre Musik gibt den traurigen Inhalten auch Trost mit. Ich merke wirklich, ich bin ein Kind. Ich brauche Trost. Ich brauche Spiel. Zu ernst darf’ s für mich heute nicht werden. Schwere Schicksale brauchen auch Hoffnung auf Leichtigkeiten des Seins. Und klar gibt es die. Jawoll, natürlich!! Ich hatte die Kraft diese ganze Scheiße zu überleben, da werd ich auch die Kraft haben, mir die Freude am Leben zu holen die mir zusteht , die mir zu lange vorenthalten wurde. Die Freude die jedem Kind zusteht. Die Kinder beruhigen mich, ihre Freude, ihr Lachen ist ansteckend. Zu diesen Gedanken passt es, das Helga plötzlich da ist. Ihr Lachen, ihre strahlenden Augen. Wie sagt sie im Film? „ich habe eine Kraft entwickeln müssen, um mit dem allen fertig werden zu müssen. Heute möchte ich diese Kraft für etwas schöneres nutzen“ Wie Recht sie doch hat! Freude strahlend zeigt sie mir Kind. Ich bin gerührt, glücklich über ihr Glück.

Als ich aus dem Roman "Schloss Fleurac" die Geschichte "vom Louischen" höre, gehen mir Gedanken an Ānis Nin durch den Kopf. An „Kinder des Albatros“ muss ich denken. Früher haben die Menschen auch schreckliche Berichte „schöner“ geschrieben. Lyrischer, poetischer, gefühlvoller. Was ich eben nicht somag, wenn die Beschreibungen so mit Modeworten vollgestopft oder wie im Netz nur noch so Kürzel sind. Ich merke ich kann den ungeheuerlichsten Berichten anders zuhören wenn sie künstlerischer beschrieben werden , irgendwie gefühlvoller, tiefer ich weiß es nicht. Ich höre zu. Und genieße diesen altertümlichen Stil, der eben nicht mit diesem Tenor „so spricht Mensch heute über Missbrauch“ vorgetragen wird. Na, sind so Gedanken darüber, dass sich hinter vermeintlicher Offenheit doch noch viel verstecken lässt.
Ich beobachte einen Mann. Er erinnert mich an jemanden mit dem ich mal zusammen war. Er könnte der Bruder sein. Erinnerung an liebevolle Gefühle. Doch der, mit dem ich zusammen war, wäre niemals hier auf dem Aktionstag. In dem Moment liebe ich diesen Fremden fast ein wenig dafür, das er da ist. Auch er beobachtet mich, kennen wir uns vielleicht doch? Später versuche ich ihm ein Heft zu verkaufen.
Ja zehn Euro sind viel Geld. Und die Fahrt nach Hamburg hat ja auch was gekostet.

Cara, meine Zuflucht, immer wieder sehe ich sie mit diesem freundlich, wachen Gesichtsausdruck. Sie erdet mich. Lady schläft. Meine Schwester erkundet den Platz. Kaya streichelt die Hunde. Sternchen, traurig, denkt. Komm, rauchen wir noch mal eine zuviel.
Ich bewundere Laloba dafür, wie sie das Interesse bei Menschen wecken kann. Eine Passantin, so nennt Mensch das ja wohl. Sie wollte nur schnell was einkaufen und ist bis zum Abend geblieben. Zum Schluss wirken sie und Laloba wie langjährige Freundin. Wenn nur einem einzigen Menschen das Bewusstsein für die unerträgliche Situation der Kinder geweckt wird, hat sich der Tag gelohnt.
Und dann ist Mittagspause. Sonne scheint. Sommer, die Stimmung ist gelassener. Sambarhythmen aus der Ferne. Eine Lesung soll in unserem Zelt stattfinden. Wann? Das wird nicht so klar. Auch gut. Wird schon! Mich freuen die Menschen in meinem Alter auf dem Aktionstag besonders. Wie oft habe ich das Wort „Tabuthema“ gehört. Ich kann mich eben noch gut erinnern, da war es einfach noch gar kein Thema! Ich erlebe es als einen besonderen Triumph das wir „älteren“ uns nach vorne trauen, dass wir eben doch jetzt die anderen Zeiten mitbekommen. Zeiten in denen es überhaupt so etwas wie einen Aktionstag gibt. Auch wenn noch viel vor uns liegt, so haben viele Menschen doch auch schon viel erreicht. Dankbarkeit durchströmt mich.
Dankbarkeit für Bine, Ingo und ihrem unermüdlichen Team. Für die Kraft von allen die heute hier sind.
Ich schaue mich auf dem Platz um, merke aber dass ich mich einfach nirgends einlassen kann. Denke an das was Bine mir vor Hamburg schrieb. Wenn du selbst ein Projekt da machst wirst du weniger vom Aktionstag mitbekommen, bist eben mit deiner Sache beschäftigt. Sinngemäß waren das ihre Worte. Ja, sie hat recht, da rauscht auch was an mir vorbei. Doch ich habe dafür auch dieses intensive Gefühl mit meinen Freunden hier zu sein. Diese Liebe zwischen uns im Spielraum erleben zu dürfen. Da soll auch anderes ruhig mal Außen vor bleiben.
Wie passend finde ich eigentlich diese Sambagruppe? Karneval? Gibt es was zu feiern? Doch ja, unseren Sieg gegen das Vergessen! Unseren Sieg gegen unsere Angst. Und ich kann ja nicht anders, wenn’s wo trommelt, muss ich mich dazu bewegen.

Teil4
Ulla hat ne sms geschickt! Das freut mich sehr. So ist sie auch dabei. Und ich frage mich, ob sie nicht vielleicht gerne gekommen wäre?
Nicht die Ruhe zu essen
Ach, sind erwachsene Menschen oft dumm! Sie haben keine Zeit schlau zu sein. Tja, wer nicht will der hat schon, oder? Gemeinschaftsbild und die Möglichkeit kreativ zu sein, werden von Kindern gestaltet. Im wahrsten Sinne des Wortes, in die Hand genommen. Als ich die Duellmalerei aufbaue, sind Chantal und Joyce, die aktivsten Kinder im Spielraum, erst verwundert. Dann quieken sie vor Vergnügen. Fingerfarben auf durchsichtiger Folie. Und du kannst den anderen richtig durcheinander bringen beim malen. Farbverschmierte Kinderhände. Irgendwann zeige ich ihnen wo die Toiletten sind, damit sie sich waschen können. Auf dem Weg dahin sehe ich hinter der Kirche Menschen, die sich in den Armen liegen, weinen. Die beiden Mädchen möchten den Erwachsenen ihre Farbhände reichen. Eine junge Frau geht darauf ein.
Jagt die Kinder nun ihrerseits. Lachen aus verweinten Gesichtern. In dem Moment bin ich den beiden Kindern sehr dankbar.
Sascha und seine Freundin sind aufgetaucht. Klar, hatte ich mit gerechnet. Da sie nicht mehr im Spielraum schreiben, habe ich mich umso mehr gefreut sie wiederzusehen. Ich möchte sie zum Stop-Spiel einladen. Nein, nicht? Na gut, wer nicht will........ Ladyfan, großes, schlaues Kind spielt mit mir. Ich finde es immer wieder toll was da passiert. Meinem Körper bewusst das Nein beibringen. Danke Ladyfan!
Das Theater gefällt mir. Gefällt mir sehr! Ja, mehr davon, bitte! Das ist Aufklärung im besten Sinne. Da werden Situationen durchgespielt. „Onkel Heinz“ will, dass sich das junge Mädchen auf seinen Schoss setzt. „Nun stell dich doch nicht so an.“ Kurz angespielt. Dann geht es um Kinokarten für die der Onkel Küsschen will. „STOP“ schreit das Mädchen, so laut, dass es nur so über den Platz schallt. Nun wird die Situation mit dem Publikum besprochen. Was hätte anders laufen müssen. Gut gemachtes Theater. Pädagogik wie sie mir mal Spaß macht. „HAU AB!!!“ ist die Formel, die gefunden wird. So was finde ich gut. Da können auch die Kinder am Platz was mit anfangen. Ja, da sollten sie sogar unbedingt ganz genau hinschauen. Und wieder der spielerische Umgang, der mich überzeugt. Danke, ein ganz, ganz großes Dankeschön an Dirk Bayer und seine Leute.
Gabi ist in ihrem Element und deutlich entspannter. Macht ihre Sache sehr gut.
Sternchen traurig. „wir kneten jetzt was“ fordere ich sie auf und hole den schönen bunten Teig den Cara und Ladyfan mitgebracht haben. Der ist weich und da lässt sich doch was formen. Nichts muss so bleiben wie es ist. Alles ist wandelbar. Es ist gestaltbar! Ok, noch eine Zigarette zu viel und dann wird geknetet. Wie gut Sternchen das kann. Klar die schlauen Kinder sind ganz schnell auch dabei. Im nächsten Moment sehe ich Ladyfan und Sternchen umringt von Kindern und Sternchen lachen. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.
Dann höre ich Schilderungen am open-mic deren Härte mich erstarren lassen. Ritueller Missbrauch. Eine junge Frau erzählt fast teilnahmslos aus der Hölle. So wichtig ich das finde, ich kann das nicht ertragen. Möchte allen Kindern die Ohren zu halten. Nicht weil ich einen dummen Glauben an eine heile Welt fördern will, nein die Erzählungen der Frau können verletzen, böse Wunden reißen.
Mir fällt das Gespräch mit Kaya ein. 8ung!!! Mensch!!!. Ja Schilder machen die über den Platz tragen. Was tun, nicht ruhig hinnehmen, was dagegensetzen. Ich brauch das so. was ich nicht verkraften kann, verarbeite ich so, dass ich grad das tue was mir einfällt. Ich muss die Bewegung spüren. Nie wieder wie das Kaninchen vor der Schlange sein.
Also fang ich an. Klar, Chantal und Joyce sind sofort dabei. Ähm, da bekomme ich ja doch deutlich Schwierigkeiten ihnen die Absicht zu erklären. Während wir die Schilder machen bemühe ich mich meine Gedanken zu erläutern. „Achtung, Respekt vor dem andern Menschen“ Ja das verstehn die ca. 10 jährigen auf Anhieb. Göttin sein Dank, denke ich, dass sie die Ironie, den Sarkasmus in dieser Aussage „8ung Mensch“ nicht verstehen, Sie haben eben noch nicht so böse Erfahrungen mit Menschen gemacht und verstehen nicht, warum wir Menschen manchmal vor Menschen warnen müssen, wie vor der nächsten Sprengung. Nun, unsere kleine Minidemonstration kann beginnen. Mit Sammeldosen und Schildern stiefeln wir über den Platz. Wir sind stark, Kinder sind stark. Auf so leichte Weise sind Kinder so stark! Unschlagbar sind Kinder. Und wieder sind es die Kinder, die mich vor der Bitternis schützen. Wieder sind es die Kinder, die zeigen es geht weiter und wenn wir Schilder in die Hand nehmen und einfach loslegen. Schilder, roter Stift auf Pappe, so einfach ist das. Ein fettes Dankeschön auch an die beiden kleinen unermüdlichen fröhlichen frechen Mädchen. Denn immerhin haben sie durch diese Aktion an die 30 € gesammelt.

Dass der kleine Drache es wirklich geschafft hat zu kommen. Ja, er hatte mich ja regelrecht dazu aufgefordert ihn noch mal zu überreden. Schön!
Ein langes Gespräch mit der Passantin die natürlich einen Namen hat. Sieglinde kann die richtigen Fragen stellen. Kann damit umgehen, dass sie sich die Abläufe in einer Familie, wie der meinen, zunächst mal einfach nicht vorstellen kann. Und es fallen ihr Begebenheiten aus ihrer Kindheit ein. "ja, hier erzähle ich davon" sie fasst sich an den Kopf. Wer ist hier von was betroffen? Ein rotes Trostgummibärchen und immer wieder diese erschreckende Alltäglichkeit. Wie entsetzlich die Taten oder vergleichsweise, tja, noch "harmlos" sie sind, ich habe noch nie mit einem Menschen gesprochen der nicht Geschichten erzählt, die deutlich machen, wie wenig oft Achtung und Respekt Kindern entgegengebracht wird. Bei Sieglinde haben wir was erreicht. Das Bewusstsein verändert. Danke Laloba.
Lesungen finden im Spielraum statt. Im kleinen Kreis. Wie fühlen sich die Autoren? Zu wenig Publikum? Doch hier darf dazwischen gefragt werden. Ich verpasse den Gottesdienst. Schade, doch im Spielraum ist auch grade Andacht. Lothar mit dem Tourette - Syndrom und wieder werden Fragen gestellt. Die letzte von Gabi erschreckt mich. Diese Krankheit ist keine psychische Störung! Und auch keine Folge von sexuellem Missbrauch. Mir rollen sich grade die Fußnägel auf. Küchenpsychologie und Missverständnisse nach einem sehr fordernden Tag. Ok, Lothar nimmt es heiter. Ein für mich sehr entscheidender Satz von ihm geht grade in diesem freudianischen Desaster unter. "Diese Krankheit war meine Rettung" hat Lothar gesagt. Oder habe nur ich das gehört? Nein er hat das gesagt und ich verstehe ihn so gut. Da gehe ich jetzt nicht drauf ein weil die Ereignisse mich weiter bewegen. Sternchen hatte sich schon vor dem Gottesdienst für das letzte open-mic gemeldet. Jetzt bin ich aufgeregter als in dem Moment in dem ich selbst auf der Bühne stand. Wieder fühle ich diesen Triumph. Ein Kreis schließt sich grade für mich. Der Tag des Sieges über die Unterdrücker, die uns den Mund verbieten wollten. Dass meine Schwester heute hier ist, dass Sternchen auf die Bühne geht ist für mich wie ein Befreiungsschlag. Sturz der Tyrannen! Wir sind im Endeffekt doch stärker. Meine geduldige Hoffnung, mein unerschütterlicher Glaube an die Liebe sind die stärkeren Waffen. Ja liebe Göttin, du weißt das. Doch Zweifel bei all den verletzten Seelen die ich heute gesehen und gehört habe sind ja wohl mehr als berechtigt. Ich will hier auch kein Bild, von Happy- End und zum Schluss haben sich doch alle lieb, zeichnen. Nein, dafür ist der Kampf von jeder von jedem einzelnen Menschen zu hart. Zu unbeachtet, wird tagtäglich übersehn. Doch ist es nicht grade dann so nötig auf die Erfolge hinzuweisen? Wie wichtig ist es doch, dass wir auch sehn, was wir erreichen können, zu was wir fähig sind! Nun Laloba und Sternchen auf der Bühne. Ja Laloba dein Blutopfer. Irgendwie. Ich hatte bei dir das Gefühl, du willst uns was sagen und findest die Worte nicht. Ok, ich war auch schon erschöpft, hatte viel gehört. Und dann sprach Sternchen. Sagte auch erst das, was wir nun von vielen den Tag über gehört hatten. Was ja für jede und jeden da oben eben auch wichtig ist. Das auch mal mikrophonverstärkt zu verkünden, zu spüren dass das Schweigen ein Ende hat, dass die Scham vorbei ist. Doch, was Sternchen dann sagte, löste in mir kleine Explosionen von Liebesgefühlen aus. "Ich habe Freunde, habe Freunde die mir helfen" und ihr Weinen war wie eine Erlösung. Ja , Sternchen du hast Freunde und auch du bist Freundin in dieser feindlichen Welt.
Komm in meine Arme, lass dich trösten, lass dich fallen. Ich weine auch. wenn ich merke, da darf ich auch einfach mal schwach sein, weil meine Freunde mich beschützen. Sie sagte das, was ich den ganzen Tag gefühlt habe. Freunde! Ich habe Freunde die mich verstehen, weil sie wissen warum wir uns brauchen . Was habe ich mich darauf gefreut meine Freunde zu sehn an diesen Tag. Meine Freunde zu spüren. Was auch immer dieser Tag sonst noch bewirkt hat, uns hat er mehr miteinander verbunden. Uns eine Kraft gegeben von der nun lange zehren können.
So kritisch ich auch meine Mitmenschen betrachte mich selbst. So misstrauisch ich jedes Gefühl von Zugehörigkeit bezweifle, so wenig möchte ich auf verlorenem Posten stehen. Lange genug war ich Einzelkämpfer. Wir nehmen uns in den Arm

Jetzt spüre ich das erstemal am Tag Hunger und Durst. Esse was, trinke was.
Da ist ja der kleine Drache. Bei der Verabschiedung weint er ungehemmt. Ich finde das hat er sich verdient. So tapfer gegen seine Angst nach Hamburg gefahren.
Dann stehe ich vor Peter Rupprecht. Bin ich so anders oder er? Wir haben uns verändert. Das ist gut. Nach Göttingen hatten alle so geschwärmt von ihm. Mir war bei ihm damals viel zu viel Vorwurf, ja fast so was wie "Beleidigt - Sein" über das Elend der Welt in seiner Art. Und dann diese Zeile in dem einen Lied " ...hat nicht mehr das Recht zu leben" das war mir dann doch zuviel. Ich finde schon den Gedanken an Todesstrafe nie richtig. Todesstrafe ist, in meinen Augen, Rache. Und nie möchte ich so tief sinken, so verbittert sein, dass ich mich rächen will. Was immer ich da auch nachvollziehen kann.
Ein ganz anderer Peter. War mir schon auf der Bühne aufgefallen, leichter. Eben nicht mehr so vorwurfsvoll. Und dieses Lied hat er so nicht mehr gebracht. Ich habe ihn gefragt, "Was ist der Grund deiner Veränderung?"
Er strahlt fasst meinen Arm: " Mein Glaube" Normalerweise stört mich das, so im Gespräch angefasst zu werden. Jetzt macht es mich glücklich. Seine Liebe zu spüren ist großartig. Ich freue mich sehr über das Gespräch. Ein Engel geht vorbei.
Später beim Abbau redet Renate von Unsicherheiten. Sie hätte gerne mehr getan. Ach weißt du, Renate, deine Gummibärchen - Idee war einfach großartig. Und mir ist es lieber jeder hat so eine kleine Idee, setzt sie auch um, als das ich von riesigen Plänen höre, für die wir die Kraft, das Geld und die Zeit nie haben werden. Dieser Aktionstag kommt doch zustande weil jeder bereit ist, seins dazu zu tun. Und mag das meine, das deine noch so klein sein, zusammen sind wir stark. Zusammen können wir Großes bewirken. Das ist mein Gefühl, mein Eindruck von euch allen, von diesem Tag. Ihr alle habt mir wieder mehr Liebe gegeben, mehr Glauben, mehr Hoffnung. So kann ich weiter machen. Danke
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